Ego-State-Therapie

Fallbeispiel: Claudias innere Anteile

Claudia ist 52 Jahre alt und arbeitet seit vielen Jahren in einer Verwaltung. Lange Zeit hat sie ihren Alltag ruhig und verlässlich gestaltet. In den letzten Jahren verändert sich jedoch vieles gleichzeitig. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt, ihr jüngster Sohn ist ausgezogen und die Wohnung wirkt seitdem stiller. Gleichzeitig erlebt sie körperliche Veränderungen durch die Wechseljahre: Sie schläft schlechter, wacht früh auf und spürt oft schon morgens Spannung im Körper.

Im Job versucht sie weiterhin, alles gut zu erledigen. Ihr innerer Antreiber meldet sich dabei deutlich. Diese Stimme sagt Dinge wie: „Du musst stark bleiben, reiß dich mal zusammen.“ Der Druck wird stärker, je erschöpfter sie sich fühlt.

Daneben taucht eine weitere innere Stimme auf und kommentiert sie ständig. Dieser sehr strenger Anteil sagt zum Beispiel: „Andere schaffen das doch auch. Stell dich nicht so an.“ Oder aber „Du bist nicht gut genug!“ Wenn dieser Anteil laut wird, beginnt Claudia sehr an sich zu zweifeln.

Vor einigen Monaten erlebte sie eine Situation im Büro, die sie selbst überrascht hat. Eine Kollegin äußerte Kritik an ihrer Arbeit und im gleichen Moment spürte Claudia plötzlich eine intensive Wut in sich aufsteigen. Diese wütende Stimme war neu für sie, denn sie kennt sich eher als ruhige und friedliebende Person – die Kraft dieser Wut erschreckte sie.

Gleichzeitig reagierte ein anderer Anteil sehr empfindlich auf diese Situation. Es war ein sehr zarter Teil, der sich schnell verletzt fühlte: Wenn der innere Kritiker laut wird oder die Wut auftaucht, erschrickt dieser Anteil und möchte sich am liebsten verstecken.

Claudia beschreibt ihre innere Erfahrung schließlich so: „Es ist, als würden mehrere Stimmen gleichzeitig sprechen. Eine treibt mich an, eine kritisiert mich, eine wird plötzlich wütend – und irgendwo ist noch ein ganz empfindlicher Teil, der sich ganz schnell verstecken und schützen möchte.“

Da in stressigen Situationen auch ihr Körper reagiert – ihr Herz schlägt schneller, ihre Schultern verspannen sich und sie fühlt sich innerlich unruhig – kam sie zu mir. In der Therapie tauchen Erinnerungen an frühere Erfahrungen auf, mit denen sie dann in Kontakt gehen kann. Sie lernte ihre inneren Anteile kennen, kann sie inzwischen besser verstehen und im Alltag für sich klarer agieren – anstatt sich überwältigt zu fühlen.

Wie ich die Ego-State-Therapie einbeziehe

Die Ego-State-Theorie geht davon aus, dass jede Persönlichkeit aus verschiedenen inneren Anteilen besteht. Diese sogenannten Ego-States sind keine „Fehler“, sondern natürliche Teile unseres inneren Systems. Sie entstehen im Laufe des Lebens aus Erfahrungen, Beziehungen und Lernprozessen. Jeder Anteil trägt bestimmte Gefühle, Erinnerungen oder Fähigkeiten in sich.

Manche Ego-States helfen uns im Alltag gut zu funktionieren. Der innere Antreiber von Claudia sorgt zum Beispiel dafür, dass sie ihre Aufgaben zuverlässig erfüllt. Andere Anteile versuchen, uns vor Verletzungen zu schützen. Der innere Kritiker möchte oft verhindern, dass wir Fehler machen oder abgelehnt werden.

Es gibt auch verletzliche Teile, die frühere Erfahrungen oder empfindsame Gefühle in sich tragen. Bei Claudia zeigt sich dieser zarte Anteil besonders dann, wenn Konflikte entstehen. Gleichzeitig kann ein wütender Anteil auftauchen, der signalisiert, dass Grenzen überschritten wurden oder Bedürfnisse lange zu wenig Beachtung gefunden haben.

Wenn die verschiedenen Anteile gegeneinander arbeiten, entsteht häufig innerer Stress. Ziel der therapeutischen Arbeit ist es, diese Anteile besser kennenzulernen und ihre Funktionen zu verstehen.

Mit Claudia habe ich zunächst daran gearbeitet, mehr Stabilität und Sicherheit zu entwickeln. Durch körperorientierte Psychotherapie lernt sie, wahrzunehmen, was im Körper spürbar wird, wann Spannung entsteht und welcher Anteil gerade aktiv ist. Der Körper liefert dabei oft wichtige Hinweise.

Anschließend kann sie die einzelnen Ego-States kennenlernen und verstehen, welche Aufgabe jeder dieser Teile übernommen hat, welche Bedürfnisse dahinter stehen und wie mit ihnen heute umgehen kann: Der Antreiber muss nicht mehr ständig Druck machen, die Wut kann ihre wichtige Schutzfunktion zeigen und der verletzliche Anteil darf mehr Sicherheit erleben.

Je nach Situation nutze ich zusätzlich Methoden aus der Traumatherapie, Hypnotherapie oder EMDR. Diese Verfahren unterstützen dabei, belastende Erfahrungen behutsam zu verarbeiten und das Nervensystem zu stabilisieren.

Wenn du merkst, dass dich ähnliche innere Spannungen beschäftigen, kannst du gern ein Erstgespräch vereinbaren. 

Stell mir gern deine Fragen

Wenn du auch deine Anteile kennenlernen möchtest und sie mit ins Boot holen willst, ist ein 15-minütiger Zoomcall ein guter erster Schritt. In diesem kurzen Gespräch kannst du mir deine Fragen stellen und dein Thema skizzieren.

Oft genügt dieser erste Austausch, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie wir arbeiten können und ob meine Methoden, wie Ego-State-Arbeit, Körperpsychotherapie oder Traumatherapie, für dich passen.

Ich freue mich darauf, dich kennenzulernen. Schreibe mir gern über das Kontaktformular kurz dein Anliegen – ich melde mich zeitnah bei dir.

Was sind Ego-States?

Ego-State-Therapie geht davon aus, dass unsere Persönlichkeit aus verschiedenen inneren Anteilen besteht – sogenannten Ego-States. Jeder hat seine eigenen Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen. Das ist keine Störung, sondern normale menschliche Komplexität.

Entwickelt wurde das Konzept von John und Helen Watkins, aufbauend auf den Ideen von Paul Federn. Heute wird es vor allem in der Traumabehandlung und in der Arbeit mit inneren Konflikten eingesetzt.

Typische Ego-States: das innere Kind, das Schutz sucht; der innere Kritiker, der antreibt; der kompetente Erwachsene. Jeder Anteil hat ursprünglich eine sinnvolle Funktion entwickelt – oft als Schutzreaktion.

Dazugehörige Fachbegriffe

  • Innere Anteile: Verschiedene Persönlichkeitsaspekte, die sich in unterschiedlichen Situationen zeigen – jeder mit eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Verhaltensmustern.
  • Persönlichkeitssystem: Das Zusammenspiel aller inneren Anteile, die gemeinsam die Gesamtpersönlichkeit eines Menschen bilden.
  • Inneres Kind: Ein Ego-State, der frühe Kindheitserfahrungen, Bedürfnisse und Gefühle trägt – oft Quelle tiefer Verletzungen, aber auch von Spontaneität und Lebensfreude.
  • Dissoziation: Ein Schutzmechanismus, bei dem sich Anteile der Persönlichkeit voneinander abspalten, um überwältigende Erlebnisse erträglich zu machen.
  • Teilearbeit: Oberbegriff für therapeutische Ansätze, die mit inneren Anteilen arbeiten – darunter Ego-State-Therapie, IFS und das Innere-Kind-Konzept.

Wie arbeiten wir mit den Anteilen?

In der Ego-State-Therapie treten wir in einen Dialog mit diesen inneren Anteilen. Statt einen Anteil zu bekämpfen, lernen wir ihn zu verstehen und zu integrieren – denn hinter jedem schwierigen Anteil steckt ein unerfülltes Bedürfnis.

Das geschieht oft in einem leicht tranceartigen Zustand. Du kannst dir vorstellen, wie sich unterschiedliche innere Stimmen oder Bilder zeigen – manche fühlen sich jung an, manche stark, manche verletzlich. Alle haben ihre Berechtigung.

Das Ziel ist innere Kohärenz aufzubauen, damit die verschiedenen Anteile sich gegenseitig unterstützen und nicht mehr gegeneinander arbeiten. Das Ergebnis kann ein tiefes Gefühl von Ganzheit sein.

Dazugehörige Fachbegriffe

  • Innerer Dialog: Therapeutische Technik, bei der du mit einem inneren Anteil in Kontakt gehst – ihn befragst, ihm zuhörst und seine Botschaft verstehst.
    Integration: Prozess, bei dem abgespaltene oder konfliktierende Anteile wieder miteinander in Verbindung gebracht und als Teil des Ganzen angenommen werden.
  • Bedürfnisorientierung: Jeder innere Anteil wird nach seinen zugrunde liegenden Bedürfnissen befragt – denn hinter jedem Verhalten steckt ein Bedürfnis, das erfüllt werden will.
  • Kohärenz: Zustand innerer Stimmigkeit, bei dem die verschiedenen Persönlichkeitsanteile zusammenarbeiten statt sich gegenseitig zu blockieren.
  • Ressourcen-Ego-State: Ein stärkender innerer Anteil – z. B. der weise Erwachsene oder die ruhige Beobachterin –, der gezielt aktiviert wird, um schwierige Anteile zu unterstützen.
  • IFS-nah: Internal Family Systems (IFS) nach Richard Schwartz ist ein verwandter Ansatz, der ebenfalls mit inneren Anteilen arbeitet und stark ressourcen- und selbstmitgefühlsorientiert ist.