ADHS im Erwachsenenalter

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ADHS im Erwachsenenalter ist bei Frauen oft spät erkannt. Meist liegt eine Erschöpfung vor und das Gefühl "Ich bin für meine Umgebung zu viel".

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Wenn der Kopf keine Ruhe gibt

Die Zahl der Erstdiagnosen bei Erwachsenen ist von 2015 bis 2024 um 199 Prozent gestiegen – von rund 8,6 auf 25,7 pro 10.000 gesetzlich Krankenversicherte, wie eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung im Deutschen Ärzteblatt International zeigt. Repräsentative Untersuchungen belegen, dass etwa 4,7 Prozent der erwachsenen Deutschen betroffen sind – das entspricht rund 3 Millionen Menschen, wie ADHS-Info.de auf Basis aktueller Studiendaten zusammenfasst. Was diese Zahlen nicht zeigen: Wie viele davon jahrzehntelang stillen Chaos-Alltag gelebt haben, ohne zu wissen, warum. Und wie viele – besonders Frauen – erst mit Mitte vierzig, fünfzig oder noch später hören, dass ihr Gehirn einfach anders verdrahtet ist. Besonders stark angestiegen ist die Zahl der Erstdiagnosen seit 2021, vor allem bei Frauen. Das ist kein Hype, es ist eine Neueinordnung der Realität und damit oft auch eine Erleichterung für Betroffene.

Gleichzeitig hat das Thema auf Social Media eine Eigendynamik entwickelt, die nicht immer hilfreich ist. Eine aktuelle Studie von Mross, Takahashi, Koelkebeck und Langenbach, erschienen 2026 in Clinical Psychology in Europe, hat deutschsprachige TikTok-Videos zu psychischen Störungen auf ihren Wahrheitsgehalt analysiert. Das Ergebnis: Nur rund 20 Prozent der untersuchten Videos vermittelten inhaltlich zutreffende Informationen – mehr als die Hälfte war ungenau oder falsch. Was das konkret bedeutet, erklärt Erstautor Mross: Aussagen wie „ADHS ist eine Superkraft“ bagatellisieren das Leid, das mit der Störung wirklich verbunden sein kann. Es gibt Menschen, die von ihrer Aufmerksamkeitsstörung profitieren – kreativ sind, viel Energie haben. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Und für viele ist es nicht einmal ein kleiner Teil davon. Wer sich also auf TikTok oder über andere Social Media Plattformen informiert, sollte genau hinschauen – und im Zweifel das Gespräch mit einer Fachperson suchen.

Kurze Aufmerksamkeit oder klinisches Störungsbild – wo liegt der Unterschied?

Wer kennt das nicht: Du sitzt an einer langen E-Mail, schaust kurz aufs Handy und merkst zehn Minuten später, dass du gerade Urlaubsrezensionen liest. Das ist menschlich, weil das unser Alltag im Internetzeitalter geworden ist. Das ist also erst mal noch kein Störungsbild. Anders sieht es bei einer Aufmerksamkeitsstörung in der Form einer ADHS aus – das lässt sich fühlen und nicht nur messen. Kernsymptome sind eine Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität – bei Erwachsenen kommen als Begleitsymptome häufig auch emotionale Instabilität und desorganisiertes Verhalten hinzu, wie Springer Nature in einer Übersicht beschreibt.

Während die Symptome der Unaufmerksamkeit und Impulsivität auch ins Erwachsenenalter fortbestehen können, wandelt sich die Hyperaktivität ab dem Jugendalter eher in eine innere Unruhe – das erläutert Takeda-ADHS.de sehr gut und anschaulich: ADHS ist nicht Zappeligkeit, sondern ein Kopf, der nie wirklich zur Ruhe kommt, mit einer inneren Stimme, die gleichzeitig zehn Dinge denkt, bewertet, plant und wieder verwirft. Das klingt schon erschöpfend! Wenn diese Muster dauerhaft auftreten, das Berufsleben, Beziehungen und die eigene Gesundheit belasten, braucht es Unterstützung.

Bei allen Fallbeispielen sind Namen und Geschichten verändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.

Nora – Kreativität und Chaos gehen Hand in Hand

Nora, 47, arbeitet als Projektmanagerin und gilt als überaus kreativ. Sie verliert aber regelmäßig ihre Schlüssel, fängt vier Aufgaben gleichzeitig an, bringt keine zu Ende und fragt sich abends, warum sie so erschöpft ist, obwohl sie doch „eigentlich kaum was geschafft hat“. Sie schläft schlecht, weil sie nicht abschalten kann. Ihre innere Stimme läuft auch nachts auf Hochtouren. Über die Jahre hat Nora gelernt, sich mit Strukturen, Kaffee und Perfektionismus durch den Tag zu begleiten, das fühlt sich für sie selbst wie durchmogeln an und ihre  Energie dafür wird immer weniger. Das ist eine leichte bis mittelgradige Ausprägung: Trotz spürbarer Beeinträchtigungen funktioniert der Alltag noch, allerdings mit erheblichem Aufwand.

Was Nora beschreibt, hören viele Betroffene in sich selbst. Studien zeigen, dass bei etwa 60 bis 70 Prozent der Kinder mit einer Aufmerksamkeitsstörung wesentliche Symptome auch im Erwachsenenalter fortbestehen – selbst wenn das vollständige klinische Bild nicht mehr erfüllt wird, wie ADHS Deutschland e.V. auf Basis der Forschungslage zusammenfasst. Die Last ist also real, auch wenn die Diagnose sich im Grenzbereich bewegt. Viele Frauen haben jahrelang gelernt, ihre Schwierigkeiten zu übertünchen – durch Anpassung, Überanstrengung oder stilles Leiden. Sie gelten als „ein bisschen chaotisch“ oder „zu sensibel“, nicht als Menschen, die Unterstützung verdienen. Der Grund dafür ist gut belegt: Mädchen und Frauen zeigen häufig weniger auffällige, nach innen gerichtete Symptome wie Tagträumerei, Rückzug oder Ängste – während Jungen eher durch Hyperaktivität und Impulsivität auffallen. Das führt dazu, dass Frauen im Schnitt deutlich später diagnostiziert werden als Männer (gleiche Studie des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung s.o.).

Marion: In Umbruchphasen fällt es schwerer

Marion, 53, ist Mutter von drei erwachsenen Kindern. Seit ihre Jüngste ausgezogen ist, fühlt sie sich wie in einem Vakuum. Sie war jahrelang die Organisatorin der Familie – und hat sich damit irgendwie über Wasser gehalten. Jetzt ist plötzlich Stille, und darin zeigt sich, was immer schon da war: Aufgaben werden angefangen und nicht beendet, Gespräche werfen ihre Gefühle hin und her, ein einziger kritischer Satz ihres Partners kann sie emotional für Stunden aus der Bahn werfen. Sie weiß nicht, ob sie traurig ist oder wütend oder beides. Ihr Arzt sagt, das seien die Wechseljahre. Vielleicht stimmt das – oder vielleicht steckt da noch mehr dahinter. Hormonelle Veränderungen tragen nachweislich zu einer Verstärkung der Symptome bei und Frauen mit einer Aufmerksamkeitsstörung kämpfen besonders in den Wechseljahren mit einer Zunahme der Beschwerden, wie die Übersicht zu ADHS bei Frauen der Heiligenfeld Kliniken beschreiben.

Marions Geschichte beschreibt eine mittelgradige Ausprägung: Die Symptome sind dauerhaft vorhanden, sie belasten das emotionale Gleichgewicht erheblich und haben über Jahre Beziehungen und Selbstbild geprägt. Hier ist das Körpergefühl oft ein verlässlicherer Wegweiser als der Kopf. Denn der Körper erinnert sich, weil er das jahrzehntelang funktioniert und mitgetragen hat. In der körperorientierten Arbeit zeigt sich genau das: Ein angespannter Kiefer, eine flache Brustwirbelsäule oder Schultern, die sich permanent um die Ohren herum anfühlen. Der Körper spricht eine Sprache, die ehrlicher ist als jeder Gedanke. Wenn ich mit Klient*innen arbeite, fragen ich vor allem: „Was spürst du gerade, genau jetzt, in diesem Moment?“

Claudia: Wenn alles zu viel wird

Claudia, 58, sitzt vor mir und weint, aber sie weiß nicht warum. Sie hat gefühlt tausend Mal angefangen, ihr Leben „in den Griff zu kriegen“ – neue Systeme, neue Apps, neue Vorsätze. Nichts hält länger als drei Wochen. Sie schläft seit Jahren schlecht, hat chronische Verspannungen im Nacken, die kein Masseur dauerhaft wegbekommt. Sie hört Geräusche lauter als andere, riecht Dinge intensiver, reagiert auf Kritik mit einem körperlichen Einbruch – ein Ziehen im Magen, ein Kribbeln in den Armen, Herzrasen. Sie hat mehrere Beziehungen verloren, weil sie „zu viel“ war. Das war die Erklärung, die ihr andere gegeben haben. Dass hinter diesem „zu viel“ ein Nervensystem steckt, das unter enormem Dauerstress stand – das war ihr niemand aufgefallen. Das ist eine schwere Ausprägung: Der Körper ist chronisch aktiviert. Die Sensorik läuft auf Hochtouren. Emotional gibt es kaum eine Mitte mehr – nur Überflutung oder Taubheit. Die Erschöpfung ist tief.

Was Claudia beschreibt, ist keine Schwäche ihres Charakter, wie man oft aus Unkenntnis verurteilt wird. Es ist ein Nervensystem, das jahrzehntelang ohne Unterstützung funktioniert hat. In der Forschung wird zunehmend diskutiert, wie eng frühe Belastungserfahrungen und Aufmerksamkeitsstörungen miteinander verwoben sein können.

Belastende Kindheitserlebnisse verstärken

Ein systematischer Review in Mental Health Science von Wojtara und Kolleg*innen aus dem Jahr 2023 zeigt: Bei mehr als 60 Prozent der Kinder mit einer ADHS-Diagnose lässt sich mindestens ein belastendes Kindheitserlebnis nachweisen – und je mehr solcher Erfahrungen zusammenkommen, desto stärker und anhaltender sind die Symptome. Das bedeutet nicht, dass Trauma ADHS verursacht. Aber es bedeutet, dass beide sich gegenseitig verstärken können – und dass ein Nervensystem, das früh lernen musste, auf Bedrohung zu reagieren, im Erwachsenenalter oft noch genau das tut: es reagiert und lässt sie nicht zur Ruhe kommen, alles ist laut, intensiv, erschöpfend. In der Körperpsychotherapie versuchen wir Ressourcen zu aktivieren, die Sicherheit für Körper und Geist herstellen, etwas das nicht für alle Menschen selbstverständlich vorhanden ist. Das lernt kein Nervensystem durch Willenskraft, Apps oder gute Vorsätze, sondern durch wiederholte, gute Erfahrung mit einem vertrauensvollen gegenüber in einer sicheren Umgebung.

Wann lohnt es sich, genauer hinzuschauen?

Du musst keine Diagnose haben und auch keine haben wollen, um dir Unterstützung zu holen. Aber ein paar Fragen können helfen, den eigenen Zustand einzuschätzen. Wenn du merkst, dass du regelmäßig Dinge beginnst und nicht beendest – und das nicht aus Faulheit, sondern weil der Antrieb einfach verpufft – könnte das ein Hinweis sein. Die größten Einschränkungen und der stärkste Leidensdruck entstehen bei vielen Erwachsenen durch Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme, die erhebliche Einschränkungen im Berufsleben, in der Familie und im Freizeitbereich verursachen – das belegt ADHS-Info.de auf Basis internationaler Forschungsdaten. Wenn du emotional schnell überflutet wirst und dich danach lange nicht erholen kannst oder, wenn Kritik sich anfühlt wie ein Schlag in den Magen, obwohl du weißt, dass sie nicht böse gemeint war, dann lohnt es sich, das anzuschauen. Und auch wenn dein Körper chronisch angespannt ist, du nicht wirklich schläfst, obwohl du müde bist, und du das Gefühl hast, dass du dich mehr anstrengen musst als andere, um dasselbe zu erreichen – ist das bestimmt keine Einbildung. Eine echte Erschöpfung hat meist eine Geschichte.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf das zurückkommen, was TikTok und Social Media immer wieder transportieren. Ich zitiere Herrn Mross aus einem Interview mit Antje Windmann vom Spiegel vom 28. April 2026:

„Aus der Studie sind mir besonders zwei Aussagen im Kopf geblieben. Die eine lautet: »ADHS ist eine Superkraft.« Ja, es gibt sicherlich Individuen, die von ihrer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung profitieren, weil sie vielleicht besonders kreativ sind oder viel Energie haben. Das aber so rauszuposaunen, bagatellisiert das Leid, das mit einer ADHS einhergehen kann. “

Viele Videos zu psychischen Störungen sind nicht nur ungenau, sie zeichnen manchmal auch ein verzerrtes, romantisiertes Bild. „ADHS als Superkraft“ klingt ermutigend – aber für Menschen, die jahrzehntelang unter dem Leidensdruck dieser Störung standen, fühlt sich das oft wie eine Verharmlosung an. Echte Orientierung findest du nicht im 60-Sekunden-Clip. Du findest sie im Gespräch. Mit jemandem, der wirklich hinhört.

Diagnosen stelle ich nicht. Das ist Aufgabe von Fachärzt*innen und Psychotherapeut*innen mit entsprechender Qualifikation. Was ich anbiete, ist ein Raum: für das, was da ist. Für das, was du schon lange ahnst. Für die Erschöpfung hinter dem Funktionieren. Viele meiner Klient*innen kommen nicht mit einer Diagnose – sie kommen mit dem Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, und dem Wunsch, das endlich zu verstehen. Dieses Thema liegt mir nah, weil ich viele Frauen begleite, die jahrzehntelang geglaubt haben, sie seien „einfach so“ – zu impulsiv, zu vergesslich, zu laut, zu viel – und die irgendwann gemerkt haben: Es war nie zu viel, sie hatten nur lange keine Erklärung, keinMitgefühl und waren ohne Unterstützung. Ich finde, das darf sich verändern.

  • Wenn du mich kennenlernen möchtest, kostet dich das nichts außer 15 Minuten – einfach ein offenes Kennenlernen per Zoom. Hier kannst du einen Termin buchen.
  • Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle Diagnose oder Behandlung. Wenn du unter starken oder anhaltenden Beschwerden leidest, wende dich bitte an eine*n Arzt*Ärztin, Psychotherapeut*in oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst (Telefon: 116 117).
    Im Notfall: 112 oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, 24h).

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Über mich
Annette Bauer HP Psychotherapie Coaching Xperience Portrait
Hallo, ich bin Annette
Ich bin Berlinerin und war 25 Jahre als Layouterin und Redak­teurin tätig. In den letzten Jahren im Job war ich kurz vorm Burnout und wurde dann ent­lassen. Auch privat habe ich Schick­sals­schläge erleben müssen.

Dabei hilft mir seit über 30 Jahren unter anderem eine regelmäßige Yoga-Praxis.

Andere Menschen begleite ich als Heil­prakti­kerin mit einer ressour­cenorien­tiert, systemisch oder mit einer Trauma­therapie.
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