Was tun, wenn du keinen Therapieplatz findest?

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Was tun, wenn du keinen Therapieplatz findest? Infos, Ratgeber, Seminare helfen dir ein Stück weiter. Du aber brauchst ein Gegenüber, das zuhört.

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Muss es denn gleich eine Therapie sein?

Du hast den Mut aufgebracht und dir eingestanden, dass etwas nicht stimmt und du Unterstützung brauchst. Vielleicht hast du sogar schon ein paar Anrufe gemacht, Nummern gewählt, auf Rückmeldungen gewartet. Und dann kam – nichts. Oder ein freundliches „Wir führen eine Warteliste, melden Sie sich in einem Jahr wieder.“ Das kann sich ganz ohnmächtig anfühlen und frustrierend sein. Es sagt auch absolut nichts darüber aus, ob du Hilfe verdienst – du tust es!

Erst mal alles andere ausprobieren

Die meisten Menschen versuchen ihr Problem zunächst selbst zu lösen, bevor sie über professionelle Unterstützung nachdenken. Und das ist vernünftig und vollkommen nachvollziehbar. Jede und jeder von uns hat einen ganz eigenen Werkzeugkasten an Strategien, die sich im Laufe des Lebens bewährt haben. Wenn diese Handlungsweisen nicht ausreichen, fragen wir Menschen, die wir schon kennen und denen wir vertrauen: Freunde und Freundinnen, Familie, vielleicht eine Kollegen und Kolleginnen. Und plötzlich hat man mindestens doppelt so viele Ideen und Strategie.

Vielleicht kaufst du dir ein Buch – und dann noch eins. „Die Kraft des Jetzt“, „Verletzlichkeit macht stark“, „Warum wir tun, was wir tun“ – auf deinem Nachttisch stapelt sich die Ratgeberliteratur. Du hörst Podcasts beim Joggen, abends beim Kochen, morgens beim Aufwachen. Du googelst Symptome, liest Forenbeiträge von Menschen, die Ähnliches erleben wie du, und nickst beim Lesen, weil du dich erkennst.

Es hat gute Gründe, dass wir erst diesen Weg gehen, denn oft steckt noch etwas dahinter: Die leise Hoffnung, dass sich das Problem „irgendwie von selbst“ auflöst, wenn man nur genug liest oder hört. Denn es geht auch hierbei schon um die Idee, neue Perspektiven einzunehmen.

Und es gibt natürlich auch viele – unter Umständen recht teure – Online-Seminare. Siebenundzwanzig Lektionen, schöne Grafiken, Workbook inklusive. Du hast drei Lektionen gemacht und dann das Gefühl gehabt – es fehlt was. Es fehlt ein „Jemand“, der dich wirklich sieht, eine echte Person, die auf dich eingeht und nachhakt. Es gibt viele gute Seminare, aber sie werden dir nur begrenzt nutzen, wenn du eigentlich ein echtes Gespräch gebraucht hättest.

Du fragst deine Freund*innen um Rat – und bekommst gut gemeinte Antworten. Aber auch sie bewegen sich in demselben Erfahrungsraum wie du, kennen dich so, wie du dich ihnen zeigst, und stecken in ihrer eigenen Geschichte. Neue Perspektiven, die wirklich etwas verschieben, entstehen fast immer im Kontakt mit jemandem außerhalb deines bekannten Umfeldes. Oft kommen neue Impulse von einem Menschen, der einen anderen Blickwinkel mitbringt, der nicht in deiner Geschichte steckt, und der dir helfen kann, Dinge in dir selbst zu hören, die du alleine nicht hören konntest.

Und dann ist da noch die Scham

Viele warten so lange, weil im Hintergrund eine Stimme flüstert: „Ich sollte das doch alleine hinkriegen.“ Gerade Frauen, die jahrelang für andere funktioniert haben – als Mutter, Partnerin, Kollegin – kennen dieses Gefühl sehr gut. Um Hilfe zu bitten, fühlt sich an wie das Eingeständnis, irgendwie versagt zu haben. Dabei ist es genau das Gegenteil: Es braucht Mut und Klarheit, um zu spüren, dass du an einen Punkt gekommen bist, wo du Unterstützung verdienst. Nicht weil du schwach, sondern weil du bereit bist.

Die kreative Selbsthilfe – und ihre ehrlichen Grenzen

Vielen hilft Bewegung wie Yoga, Laufen, Tanzen, Kampfsport, Malen, Singen in einem Chor – das alles ist wunderbar und hilft wirklich. Körper und Psyche sind so eng miteinander verwoben, dass Bewegung und Ausdruck tatsächlich etwas in uns lösen können. Das ist keine Einbildung, das ist Wissenschaft. Aber es gibt einen Moment, wo du spürst: Das reicht nicht. Du läufst jeden Morgen zehn Kilometer und kommst erschöpft nach Hause, aber das Gefühl ist noch da. Du malst, und das Bild zeigt dir genau das, was dich nachts wach hält – aber du weißt nicht, was du damit anfangen sollst. Du machst Yoga, und im Shavasana kommen dir die Tränen, und du weißt nicht warum. Das sind keine Zeichen, dass du etwas falsch machst. Das können Zeichen sein, dass du bereit bist für neue Wege.

Es gibt echte Grenzen der Selbsthilfe – und sie anzuerkennen ist keine Niederlage. Bücher begleiten, aber sie können nicht zuhören, Podcasts inspirieren, aber sie können nicht nachfragen und Bewegung entlädt, aber sie integriert nicht immer, das, was gerade gelockert wurde. Für manche Themen braucht es ein Gegenüber, einen Menschen, eine*n Therapeut*in, eine Person, die wirklich da ist und die nachhakt, wenn du über etwas unbewusst hinweggehst.

Unter Umständen hast du bereits in den letzten Jahren Hunderte von Euro für Kurse, Bücher, Apps und Seminare ausgegeben. Das war kein weggeworfenes Geld – aber du wärst vielleicht schon viel weiter, wenn du einen Teil davon in professionelle Unterstützung investiert hättest. Manche Dinge können sich nur mit einem echten Gegenüber entwickeln und sich nur im Gespräch klären lassen, indem du sie aussprichst.

Wenn der Körper schon längst redet

Oft meldet sich der Körper, lange bevor wir es in Worte fassen können. Du hast wiederkehrende Kopfschmerzen, dein Schlaf ist oft nicht erholsam, da ist vielleicht eine diffuse Schwere, die du nicht benennen kannst. Viele dieser Signale werden zunächst körperlich behandelt – und manchmal steckt auch etwas Körperliches dahinter. Doch manchmal ist es der Körper, der dir Signale sendet: Er sagt dir, was die Seele noch nicht aussprechen kann. Und ihm zuzuhören, ist kein Umweg – es ist oft der direkteste Weg zu dem, was du wirklich brauchst.

Was Forscher*innen „posttraumatisches Wachstum“ nennen, klingt zunächst paradox: Gerade durch schwere Krisen und Verluste können Menschen innerlich reifen, tiefere Beziehungen entwickeln und ein klareres Gefühl dafür bekommen, was ihnen wirklich wichtig ist. Das passiert aber nicht automatisch – es passiert, wenn jemand den Mut aufbringt, hinzuschauen und sich begleiten zu lassen.

Was du tun kannst, wenn du keinen Therapieplatz findest

Wenn du in Deutschland keinen Kassensitzplatz bekommst, gibt es trotzdem Wege. Ich möchte ehrlich mit dir sein – nicht alles davon ist einfach, und nicht alles davon ist kostenlos. Aber es gibt mehr Möglichkeiten, als die meisten wissen.

Ein erster Schritt, wenn es gerade brennt, ist die Telefonseelsorge – anonym, kostenlos, rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Das ersetzt keine längere Begleitung, aber es ist ein echter Anfang, wenn du gerade jemanden zum Sprechen brauchst. Etwas strukturierter geht es bei psychosozialen Beratungsstellen weiter, zum Beispiel bei der Caritas oder der Diakonie – viele Städte haben kommunale Einrichtungen, die kostenlos oder sehr günstig Gespräche anbieten, mit deutlich kürzeren Wartezeiten als beim Kassenplatz.

Wenn du das Gefühl magst, mit Menschen zusammenzukommen, die wissen wie es sich anfühlt, sind Selbsthilfegruppen eine wunderbar tragende Möglichkeit – für fast jedes Thema gibt es sie, ob Trauer, Angst, Erschöpfung oder Trennung. Eine gute Anlaufstelle dafür ist NAKOS. Und dann gibt es noch einen Weg, den viele gar nicht auf dem Schirm haben: Heilpraktiker*innen für Psychotherapie. Sie arbeiten ohne Kassenzulassung, können aber oft zeitnah Termine anbieten – ohne monatelange Wartezeit. Die Kosten trägst du selbst, aber sie sind oft überschaubarer als gedacht, manche Zusatzversicherung erstattet einen Teil, und steuerlich lassen sie sich am Jahresende abrechnen.

Hier liegt auch eine Grenze, die ich klar benennen möchte: Bei schweren psychiatrischen Erkrankungen, die medikamentöse Behandlung erfordern oder stationäre Versorgung nötig machen, braucht es den Weg zur Psychiatrie oder zum Facharzt. Das ist wichtig und richtig so. Aber für viele der Dinge, die uns das Leben schwer machen – Erschöpfung, Trauer, Lebensübergänge, innere Unruhe, Selbstzweifel, Beziehungsthemen – gibt es mehr Türen, als die eine, die gerade zu ist.

Und vielleicht ist es auch eine Frage, wie du deine Kosten priorisierst – nicht eine Frage, ob du es dir grundsätzlich leisten kannst. Für mich war meine Therapie vor 25 Jahren das Beste, das ich für mich, meine Beziehungen und meine Kommunikation tun konnte.

Was ich selbst erlebt habe

Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte, als ich das erste Mal in einer Gruppentherapie saß – eigentlich nur wegen einer Kur mit Massagen und Erholung. Und plötzlich bekam meine Mutter eine schwere Diagnose, und ich saß da und merkte: Ich bin am richtigen Ort. Nicht, weil ich es geplant hatte, sondern weil das Leben mich dorthin geführt hatte.

Ich weiß, wie es ist, lange alles selbst zu „wuppen“ – Migräne, Burnout, das Gefühl, nicht nachgeben zu dürfen. Und ich weiß, wie es ist, wenn sich endlich jemand hinsetzt und wirklich zuhört. Dieses Gefühl – gehört zu werden, gesehen zu werden, nicht alleine damit zu sein – das hat bei mir in der Tiefe etwas Wesentliches verändert. Das höre ich auch immer wieder von den Menschen, die zu mir kommen. Da ist keine Magie im Spiel, sondern etwas zutiefst Menschliches, das uns alle verbindet: Verbindung herstellen, zuhören und bezeugen, Geschichten erzählen und sich miteinander austauschen. Aber auch in die Auseinandersetzung gehen – es darf auch Reibung entstehen, an der jeder Mensch nur im Kontakt mit anderen wachsen kann.

Gerade in unserer Zeit, in der es manchen Menschen schwerfällt, einfach anzurufen, jemanden anzusprechen, sich gegenseitig zu berühren – emotional und manchmal auch körperlich. Viele sind entfremdet von anderen Menschen, und das lässt sich nur nachlernen mit anderen Menschen – nicht online, nicht übers Handy oder über ein Buch. Dazu braucht es einen geschützten Raum und ein ehrliches Gegenüber.

  • Wenn dich dieser Text in irgendein Form angesprochen hat oder du eine Frage zum Therapieplatz klären möchtest, kannst du mich einfach per Zoom ansprechen: Hier kannst du einen Termin buchen.
  • Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle Diagnose oder Behandlung. Wenn du unter starken oder anhaltenden Beschwerden leidest, wende dich bitte an eine*n Arzt*Ärztin, Psychotherapeut*in oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst (Telefon: 116 117).
    Im Notfall: 112 oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, 24h).

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Über mich
Annette Bauer HP Psychotherapie Coaching Xperience Portrait
Hallo, ich bin Annette
Ich bin Berlinerin und war 25 Jahre als Layouterin und Redak­teurin tätig. In den letzten Jahren im Job war ich kurz vorm Burnout und wurde dann ent­lassen. Auch privat habe ich Schick­sals­schläge erleben müssen.

Dabei hilft mir seit über 30 Jahren unter anderem eine regelmäßige Yoga-Praxis.

Andere Menschen begleite ich als Heil­prakti­kerin mit einer ressour­cenorien­tiert, systemisch oder mit einer Trauma­therapie.
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