Angststörungen verstehen

Mann, Angst, Hand, Angst verstehen Annette Bauer HP Psychotherapie
Heute geht es darum, Angststörungen zu verstehen: Wie schlimm ist es? Was kann dahinter stecken? Wie möchte ich damit umgehen?

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Innere Alarmanlage im Dauerbetrieb

Im Jahr 2024 erhielten in Deutschland 8,1 Prozent der Erwachsenen eine Diagnose einer Angststörung in der ambulanten Versorgung – das zeigt die Auswertung des Robert Koch-Instituts aus dem Dezember 2025. Bei Frauen lag der Anteil mit 10,2 Prozent nahezu doppelt so hoch wie bei Männern. Das bedeutet: Mindestens jede zehnte Frau, die zum Arzt geht, trägt diese Diagnose mit sich. Und das sind nur diejenigen, die überhaupt Hilfe suchen. Laut demselben Bericht des Robert Koch-Instituts zeigten sich die höchsten Diagnosewerte bei beiden Geschlechtern in den Altersgruppen zwischen 50 und 69 Jahren. Genau die Lebensphase, in der sich gleichzeitig so vieles verändert – Wechseljahre, Jobverlust, leere Wohnung, neue Fragen.

Wenn Angst normal ist – und wann nicht mehr

Angst gehört zum Leben. Sie warnt dich, hält dich wach, schützt dich. Wenn dein Herz vor einem schwierigen Gespräch schneller schlägt oder dein Magen vor einem wichtigen Termin zieht, ist das eine gesunde, biologisch sinnvolle Reaktion. Sie meldet sich, wenn sie gebraucht wird, und zieht sich wieder zurück, wenn die Situation vorbei ist. Dein Nervensystem kommt zur Ruhe. Du kannst wieder durchatmen.

Wenn die innere Alarmanlage aber dauerhaft eingeschaltet bleibt, auch wenn objektiv keine Gefahr da ist, hat sich etwas verschoben. Das Nervensystem findet keinen Weg mehr zurück in Sicherheit. Die Anspannung hört nicht auf. Du schläfst schlecht, du grübelst, dein Körper fühlt sich an wie dauerhaft auf Hochtouren. Fachlich gesprochen liegt dann eine Angststörung vor, wenn die innere Not stark genug ist, um den Alltag spürbar einzuschränken, und das über einen längeren Zeitraum anhält. Die Grenze zwischen „ich bin halt ein ängstlicher Mensch“ und einem behandlungsbedürftigen Zustand ist fließend, aber sie existiert. Und sie zu kennen, kann der erste wichtige Schritt sein.

Bei allen Fallbeispielen sind Namen und Geschichten verändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.

Monika: Handhabbar Angst

Monika, 52, Lehrerin, beschreibt sich selbst als „ein bisschen übervorsichtig“. Sie schläft vor wichtigen Terminen schlecht, ihr Magen meldet sich bei Stress, und sie grübelt manchmal länger, als ihr lieb ist. Im Gespräch merkt sie: Das kennt sie schon seit Jahren. Es kostet sie Energie, aber sie funktioniert gut, weil sie sich wach und aufmerksam fühlt. Ein leichtes Grundrauschen an Anspannung begleitet ihr Leben – und es lässt sich mit mehr Körperbewusstsein und gezielter Atemarbeit spürbar verändern.

Heike: Vermeidung als Gewohnheit

Heike, 48, hat ihren Job verloren und merkt seitdem, dass sie immer mehr Situationen aus dem Weg geht. Erstmal nur das Vorstellungsgespräch, dann der Supermarkt zur Stoßzeit, dann Treffen mit Freundinnen. Ihr Körper schlägt Alarm, sobald sie das Haus verlassen will. Sie hört das leise Rauschen in den Ohren, spürt die Enge in der Brust, Schweißausbrüche – noch bevor sie die Wohnungstür berührt. Nachts kommt das Gedankenkarussell: Was, wenn ich es nie wieder schaffe? Was, wenn alle merken, wie es mir geht? Das schränkt ihren Alltag mittlerweile deutlich ein: Die Vermeidung besänftigt die Angst zwar, ihr Lebensradius wird dadurch aber immer enger.

Sandra: Wenn der Körper brennt und niemand etwas sieht

Und dann gibt es Frauen wie Sandra, 57. In der ersten Sitzung bei mir kann sie kaum sprechen. Nicht wegen Schüchternheit, sondern weil das Reden selbst sich überwältigend anfühlt. Ihr Körper zittert, manchmal auch ohne erkennbaren Anlass. Sie sagt, dass sie nicht immer weiß, ob das, was sie fühlt, real ist. Die Hände kribbeln, das Herz rast, ein Taubheitsgefühl breitet sich in den Armen aus. Sie ist mehrfach in der Notaufnahme gewesen, weil sie dachte, sie hat einen Herzinfarkt. Jedes Mal: nichts. Körperlich in Ordnung. Aber innerlich brennt alles. Dazu kommt das, was sie am meisten erschöpft: die Scham. Das Gefühl, nicht normal zu sein. Das Schweigen nach außen, während es innen laut und eng und dunkel ist. Starke Angst klingt von außen vielleicht nach Übertreibung, das Umfeld kann das auch nicht verstehen – das Gehirn sucht aber nach Antworten: Wenn da diese Symptome sind, muss doch etwas schrecklich da sein?! Das kann sich steigern, und jeder Anlass kann zu dieser Unruhe und Panik führen.

Wenn Angst ein Ventil ist – und keine Schwäche

Es gibt etwas, das in der Therapie immer wieder auftaucht und das ich für wichtig halte, ehrlich anzusprechen: Angst ist nicht immer nur das, was sie zu sein scheint. Sie kann auch eine Schutzfunktion übernehmen – für Gefühle, die sich noch schwerer anfühlen. Laut einer Fachpublikation der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie entwickeln Menschen, die ihre Aggression abspalten, häufig Depressionen oder starke Ängste. Das klingt abstrakt, ist es aber nicht.

Angst und Wut sind enger miteinander verwandt, als die meisten Menschen ahnen. Wut ist laut, fordernd, manchmal beängstigend – auch für einen selbst. Angst ist leiser, zieht sich zurück, wirkt sozial akzeptabler. Wer als Kind gelernt hat, dass Wut gefährlich ist oder Ablehnung bedeutet, lernt oft, sie wegzuschieben. Irgendwohin, wo sie nicht so laut ist. Manchmal landet sie in der Angst. Angst kann so gesehen ein Ausdruck unterdrückter Wut oder unterdrückter Bedürfnisse sein – und umgekehrt kann Wut auch unterdrückte Angst sein, wie die Forschungsgruppe für Emotionsregulation an der Universität Potsdam in ihren Arbeiten zu sozialer Angst und Scham beschreibt.

Das bedeutet nicht, dass jede behandlungsbedürftige Angst „nur“ verdrängte Wut ist. Das wäre zu einfach, und es wäre falsch. Aber es bedeutet: Wer nur an der Oberfläche arbeitet, geht möglicherweise an dem vorbei, was darunter lebt. Echte Begleitung schaut hin. Nicht um aufzudecken und bloßzustellen, sondern um zu verstehen, was der Körper und die Seele gerade versuchen zu regeln.

Der Körper vergisst nichts

Das, was du emotional erlebst, speichert sich nicht nur im Kopf. Es hinterlässt Spuren im Gewebe, in der Körperhaltung, im Atemrhythmus. Wer jahrelang Angst „wegfunktioniert“, lernt oft, bestimmte Körperstellen zu sperren: Die Schultern hochziehen, den Atem flach halten, den Bauch anspannen. Das Nervensystem lernt: Wenn ich das Gefühl zulasse, überwältigt es mich. Also besser gar nicht erst hinschauen. Der Körper gehorcht. Und zahlt dafür einen Preis.

In der Körperpsychotherapie arbeiten wir genau da. Nicht mit Worten, die erklären. Sondern mit dem, was sich zeigt, wenn du aufhörst zu erklären: Dein Atem. Dein Halt. Der Raum, den du im Raum einnimmst. Körperbewusstsein und ein selbstsicheres Auftreten hängen direkt zusammen – wer spürt, wie er steht, wie er atmet, wie er Raum einnimmt, fühlt sich weniger ausgeliefert. Nicht weil die Angst weggezaubert wird, sondern weil der Körper anfängt, sich sicherer zu fühlen.

Thomas: Wenn der Körper lernt, sicher zu sein

Thomas, 54, kam wegen anhaltender Schlafprobleme und einem Gefühl, das er als „inneres Zittern“ beschrieb. Er hatte das Gefühl, dass er sich im Raum immer klein machte, auch wenn niemand ihn bedrängte. Im körperpsychotherapeutischen Prozess merkte er: Er hielt seit Jahren buchstäblich die Luft an und als er zum ersten Mal bewusst ausatmete und die Schultern sinken ließ, war er selbst überrascht, wie viel Raum er plötzlich spürte. Das war kein Wunder, aber für ihn ein echter Anfang.

Wann lohnt es sich, genauer hinzuschauen?

Es gibt Anzeichen, die leicht zu übersehen sind, weil wir uns so daran gewöhnt haben. Wenn du merkst, dass du bestimmte Situationen regelmäßig vermeidest, ohne dir wirklich erklären zu können, warum, könnte das ein Hinweis sein. Wenn dein Körper dich mit Herzrasen, Kurzatmigkeit, Schwindel oder Schlafproblemen begleitet, ohne dass körperliche Ursachen gefunden wurden, lohnt sich ein näherer Blick. Wenn du das Gefühl hast, du kannst nicht mehr abschalten, dein Kopf läuft auch dann auf Hochtouren, wenn nichts Besonderes passiert – dann ist die Frage schon wichtig genug, um sie nicht zu übergehen.

Du musst nicht wissen, ob das, was du erlebst, einen Namen hat. Du musst auch nicht „krank genug“ sein, um dir Unterstützung zu holen. Es reicht, dass es dich belastet. Es reicht, dass du merkst: So möchte ich nicht mehr leben.

Angst mit Neugier begegnen

Es gibt einen Moment in der Therapie, den ich jedes Mal wieder mag: Wenn ich jemanden einlade, die Angst mal mit Neugier anzuschauen – und ich sehe das Stirnrunzeln. Merkwürdig? Ja, klingt erstmal so. Aber genau da passiert oft etwas.

Neugier entsteht nicht dadurch, dass du die Angst wegmachst. Sie wächst, indem du ihr anders begegnest. Stell dir ein verängstigtes Kind vor – du sagst ihm nicht, es soll keine Angst haben. Du nimmst es an die Hand. Und dann schaut ihr gemeinsam hin, was da ist.

Das fängt winzig an. Vielleicht fragst du dich nur: Was würde passieren, wenn ich dieses beklemmende Gefühl einfach für drei Atemzüge da sein lasse? Das ist schon Neugier. Eine zarte Bereitschaft, hinzuschauen statt wegzulaufen. Und oft passiert dann etwas Erstaunliches: Das Gefühl verändert sich, nur weil du es freundlich anschaust. Nicht weil du es bekämpft hast – sondern weil du aufgehört hast, es zu fliehen.

Dann kommen andere Fragen. Nicht: Wie werde ich das los? Sondern: Wie fühlt sich diese Anspannung eigentlich genau an? Ist sie hart oder weich? Eng oder drückend? Warm oder kalt? Diese Fragen klingen vielleicht seltsam – aber sie verwandeln etwas Überwältigendes in etwas Erforschbares. Plötzlich bist du nicht mehr das Problem. Du bist die Person, die neugierig hinschaut.

Je öfter du das übst, desto vertrauter wird dein eigenes Muster. Du erkennst: Ah, so reagiere ich auf Druck. So fühlt sich mein Stress an. Diese Vertrautheit nimmt der Angst ihre Schärfe. Und irgendwann überträgst du diese Haltung auch in schwierige Situationen im Alltag – und fragst dich statt „Schaffe ich das?“ lieber: Was zeigt mir das gerade über mich?

  • Wenn du mit mir mal sprechen möchtest, buche einfach ein offenes Kennenlernen per Zoom. Hier kannst du dir hier deinen Termin aussuchen.
  • Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle Diagnose oder Behandlung. Wenn du unter starken oder anhaltenden Beschwerden leidest, wende dich bitte an eine*n Arzt*Ärztin, Psychotherapeut*in oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst (Telefon: 116 117).
    Im Notfall: 112 oder die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, 24h).

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Über mich
Annette Bauer HP Psychotherapie Coaching Xperience Portrait
Hallo, ich bin Annette
Ich bin Berlinerin und war 25 Jahre als Layouterin und Redak­teurin tätig. In den letzten Jahren im Job war ich kurz vorm Burnout und wurde dann ent­lassen. Auch privat habe ich Schick­sals­schläge erleben müssen.

Dabei hilft mir seit über 30 Jahren unter anderem eine regelmäßige Yoga-Praxis.

Andere Menschen begleite ich als Heil­prakti­kerin mit einer ressour­cenorien­tiert, systemisch oder mit einer Trauma­therapie.
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