Dein Herz hört nie auf zu schlagen
Die Figur aus Zinn im Zauberer von Oz glaubt, ihm fehle ein Herz, dabei weint er, wenn er versehentlich eine Blume zertritt. Seine Rührung lässt ihn sogar einrosten und Dorothy muss dann seine Gelenke ölen. Das bedeutet jedoch, dass sein Herz längst schlägt. Genau so geht es vielen Frauen: Nach Jahren des Funktionierens, des Stark-sein-Müssens und der Fürsorge für andere haben sie die Verbindung zum eigenen Herzen, zu ihren Wünschen und Bedürfnissen vergessen. Das fühlt sich schlimm an!
Beim Begräbnis meiner Oma ging es mir so. Drei Jahre davor ist mein Opa gestorben, das war für mich Herz-zerreißend. Bei meiner Oma war ich wie hinter einer Glaswand, empfand nichts. War ich herzlos? Nein, mein Herz war nur vorübergehend eingefroren, um mich vor zu großem Schmerz zu schützen. Da ich wenig Trost erfahren hatte, wollte ich mich nicht schon wieder so bedürftig fühlen. Ich war ja auch schon groß: Ich war 15 Jahre alt.
Warum wir unser Herz verschließen
Dr. Brené Brown, die Forscherin für Verletzlichkeit und Scham, erklärt in ihrem Buch „Verletzlichkeit macht stark“ (2012), dass wir unser Herz oft verschließen, um uns vor Schmerz zu schützen. Doch dabei schützen wir uns nicht nur vor dem Leid, sondern auch vor der Freude, der Liebe und der Verbindung. Du funktionierst, bist aber nicht lebendig. Das ist ein Überlebensmechanismus, der früher sinnvoll war, dich heute aber von Gefühlen abschneidet. Wann passiert das?
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Wenn du nach einer schlimmen Trennung beschlossen hast, niemanden mehr so nah an dich heranzulassen.
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Oder nach dem Verlust deines Jobs wolltest du dich nicht mehr so verletzlich zeigen.
Dadurch hast du eine Rüstung angelegt, Stück für Stück, bis du dich zwar sicher, aber leider auch taub gefühlt hast. Ich kam mir früher wie inmitten eines Steinturms vor: wehrhaft nach außen, aber gefühlsmäßig eingemauert.
Forschung über die Verbindung Körper & Seele
Dein Herz ist nicht verschwunden, es ist nur gut geschützt. Das Seelische kann jedoch Auswirkungen auf Herz und Kreislauf haben: Markus Peters erläutert in „Gesundmacher Herz“ (Irisiana Verlag, 2014), wie die Herzratenvariabilität mit dem vegetativen Nervensystem und der körperlichen Gesundheit zusammenhängt. Die Herzratenvariabilität beschreibt die natürlichen Schwankungen der Zeitabstände zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen. Oder von Rainer Schubmann findest du in „Psycho-Kardiologie KOMPAKT“ (Deutscher Herzschrittmacher- und Defibrillator-Patientenverband, 2019) auch etwas über die Wechselwirkungen zwischen Herz und Psyche.
Wenn du verschlossen lebst, verspannen sich deine Muskeln, die Atmung wird flacher, und insgesamt fühlst du dich weniger lebendig. Zum Beispiel das Gefühl der Enge in der Brust, wenn du eigentlich weinen möchtest, aber nicht kannst; die Schwere in deinem Brustkorb, wenn du dich nach Nähe sehnst, sie aber nicht zulassen kannst oder möchtest. Wenn du Angst hast, atmest du oberflächlich, deine Schultern sind hochgezogen, dein Kiefer verkrampft. Damit versucht dein Körper, dein Herz zu schützen und über längere Zeit entstehen daraus Körpermuster und daraus möglicherweise Störungen bis hin zu echten Krankheiten.
Was kannst du tun?
Und klar ist, du bist daran nicht „Schuld! Es ist ein Schutzmechanismus, der dir in einer schwierigen zeit gut gedient hat. jetzt gilt es, die Gefühle, so schmerzlich sie auch sind, erst einmal anzuschauen, sie zu fühlen und dasein zu lassen. Sie können dann auch wieder abziehen und das muss gar nicht lange dauern. Doch die paar Minuten sind schmerzhaft. Davor hast du vielleicht auch Angst.
Das Schmerzhafte daran ist die Weigerung, sie wirklich zuzulassen und zu fühlen. Alles spannt sich an. Wenn du das aber zulässt, dabei tief atmest, können diese emotionale Reaktionen einen natürlichen Entgiftungsprozess auslösen: Weinen reinigt die Augen, das Herz und die Seele. Lachen übrigens auch: Dein Körper befreit sich von Stresshormonen und Toxinen.
Gefühle zulassen sind keine Momente der Schwäche, es ist ein Zeichen dafür, dass dein Herz wieder eine größere Bandbreite an Gefühlen annehmen kann.
Die drei Fragen des Herzens
Oft lebst du nicht deine eigenen Gefühle, sondern die, die von dir erwartet werden. Du lernst, dass Wut unweiblich ist, also unterdrückst du sie. Du lernst, dass Trauer andere belastet, also schluckst du sie hinunter. Wenn du dich fragst: „Will ICH wirklich so emotionslos sein oder soll ich so sein?“, dann erkennst du, wessen Gefühle du da eigentlich nicht lebst.
Du merkst, dass du wütend bist auf deinen Partner, der dich seit Jahren für selbstverständlich hält. Doch statt die Wut zu spüren, denkst du: „Eine gute Frau ist nicht wütend.“ Du schluckst sie hinunter und erstarrst. Doch wenn du dich fragst: „Will ICH diese Wut spüren?“, dann merkst du: Ja, sie gehört zu dir. Sie zeigt dir, dass deine Grenzen verletzt wurden.
Mitgefühl – der Schlüssel zum Herzen
Das Wort Mitgefühl kommt von „mit fühlen“. Du lernst wieder zu fühlen, indem du zunächst mit dir selbst mitfühlst. Dr. Kristin Neff, eine Pionierin der Selbstmitgefühls-Forschung, zeigt in ihrem Buch „Selbstmitgefühl“ (2011), dass Menschen, die liebevoll mit sich umgehen, emotional widerstandsfähiger und glücklicher sind. Um Selbstmitgefühl auszuprobieren, habe ich für dich folgende Übung:
Selbstmitgefühl Übung
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Leg deine Hand auf dein Herz und spüre, wie es schlägt.
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Bleibe für ein paar Atemzüge bei deinem Herzschlag.
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Sag dann zu dir selbst: „Das ist schwer für mich. Ich leide gerade. Möge ich freundlich zu mir sein.“
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Es mag sich anfangs merkwürdig anfühlen, aber dein Herz erkennt diese Sprache. Es entspannt sich, denn du gibst dir und deinem Herzen die Erlaubnis, menschlich zu sein – verletzlich, unvollkommen, jedoch vollständig lebendig.
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Wenn du diese freundlichen Gedanken ein paar Atemzüge länger halten kannst, kann sich dein Herz immer weiter entspannen und wird über diese Übung offener. Vielleicht kommen dir dann Tränen, lass sie zu.
Herzöffnende Übungen
In meiner Therapie nutze ich die Atmung als herzöffnende Übungen, um emotionale Panzerungen zu spüren und sie nach und nach zu lösen. Du gibts deinem Körper die Erlaubnis zu fühlen. Dein Herz hat Raum und kann sich in die Weite entspannen, deine Lungen haben Raum, um tief zu atmen. Eine Übung: Setz dich aufrecht hin und verschränke die Hände hinter dem Rücken und strecke die Arme nach unten weg. Öffne deine Brust, hebe das Herz und nimm ein paar tiefe Atemzüge. Spüre dabei, wie sich dein Brustkorb hebt und senkt und weitet, wie dein Herz mehr Raum bekommt. Vielleicht steigen dabei Emotionen auf – Trauer, Freude, Angst. Das ist normal. Dein Herz räumt auf, es befreit sich von dem, was es beschwert hat.
Von der Taubheit zum Fühlen
Der Weg zurück zum Fühlen ist nicht immer angenehm. Wenn du anfängst, wieder zu spüren, kommen oft erst die schmerzhaften Gefühle hoch – die, die du so lange unterdrückt hast. Das ist wie bei einem eingeschlafenen Fuß, der schmerzt, wenn er wieder durchblutet wird. Doch dieser Schmerz ist ein Zeichen der Heilung.
Dr. Daniel Goleman hat in seinem Buch „Emotionale Intelligenz – EQ“ (1995) gezeigt, dass die Fähigkeit, mit Gefühlen umzugehen (und sie nicht zu unterdrücken), wichtiger für den Lebenserfolg ist als der Intelligenzquotient IQ. Fühlen ist eine Kunst, die man lernen kann, und bedeutet nicht, dass du von deinen Emotionen überwältigt wirst, sondern dass du sie als Gäste behandelst. Sie kommen und gehen, aber sie gehören nun mal zu dir: Wenn Wut kommt, fragst du sie, was sie dir sagen möchte, genauso zeigt dir das Gefühl von Trauer, was dir fehlt. Du kämpfst nicht gegen sie an, du tanzt mit ihnen. Das ist der Unterschied zwischen erstarrt und lebendig sein.
Die Wechseljahre als Herzöffnung
Die Wechseljahre sind noch mal eine ganz spezielle Zeit für Frauen, denn gerade die unterdrückten Gefühle schaffen sich Gehör und kommen hoch. Sehr sanfte Damen zeigen endlich mal Kante! Das kann die Frau aber auch selbst erschrecken, doch dann entdecken sie vielleicht ihre wahren Gefühle und was sie vom Leben noch brauchen wieder. Wenn es dir gerade so geht und du dich in den Wechseljahren oder einer anderen Umbruchphase befindest: Du wirst emotionaler, aber auch authentischer. Was andere als „schwierig“ bezeichnen, ist eigentlich nur dein Innerstes, dass seine Bedürfnisse endlich mal zeigt. Klar findet das deine Umgebung manchmal nicht so toll, bedeutet es doch, das sie sich mit dir und deinen Bedürfnissen auseinandersetzen müssen.
Dein herz merkst du das vielleicht daran, dass dich Filme tiefer berühren, Musik dich zum Schluchzen bringt. Das kann schon mal eine emotionale Achterbahnfahrt sein. Du bist dann vielleicht irritiert (deine Familie vielleicht auch!), aber du spürst: Das bin ich. So bin ich wirklich. Das ist kein Verlust, sondern ein Gewinn.
Das Herz des Blechmanns
Am Ende gibt der Zauberer dem Blechmann eine herzförmige Medaille, als Zeichen für seinen Mut zu fühlen. Doch es ist nur ein Symbol für etwas, das bereits da war. Die Figur hatte nie aufgehört zu lieben, sie hatte nur vergessen, dass Liebe erlaubt ist: Dein Herz ist nicht auch nicht kaputt, es war nur vorübergehend gut geschützt. Hinter all der Panzerung war es immer da und wartet darauf, dass du es wieder spürst. Es schlägt dienen Rhythmus, schwingt und klingt: Hör zu!
Du musst nicht stark sein, du darfst weich sein.
Du musst nicht alles allein schaffen, du darfst Unterstützung annehmen.
Du darfst wieder fühlen – es ist das Natürlichste auf der Welt.
Schau zurück auf dein Leben und erkenne, wo dein Herz immer geschlagen hat: in der Sorge um deine Kinder, in der Liebe zu deinem Partner, in der Trauer um deine Eltern. Auch in den Momenten, in denen du dich gefühllos gefühlt hast, war dein Herz da. Es hat still gewartet, bis du bereit warst, es wieder zu spüren.
Ausblick:
Teil 3: Der Löwe – Mut fassen und vorwärtsgehen
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz der Angst richtig oder überhaupt zu handeln. Ängste können dir als Wegweiser dienen und sie nutzen, um Schritt für Schritt mutiger durchs Leben zu gehen. Du lernst, dass wahre Stärke ist, verletzlich und authentisch zu sein.
Teil 4: Yellow Brick Road – der Weg zu dir
Zusammenfassung, Fazit und Aussicht auf deinen Weg: Wo soll die Reise hingehen? Und du darfst gespannt sein, was ich aus den roten Schuhen mache. Ein bisschen Spannung muss sein!
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