Was ist das Unterbewusstsein?
Du nimmst dir fest vor, endlich mehr Sport zu machen, bist echt entschlossen und der Plan klingt überzeugend in deinem Kopf. Doch drei Wochen später liegst du wieder auf der Couch, scrollst durchs Handy und fragst dich: Warum passiert mir das schon wieder? Vorsatz und Wille waren vorhanden, aber irgendwas hat trotzdem dagegengearbeitet. Dieses „Irgendwas“ hat einen Namen.
Zwei Begriffe, die gerne durcheinander geraten
Im Alltag benutzen wir „das Unterbewusstsein“ und „das Unbewusste“ wie Synonyme. Da gibt es allerdings einen Unterschied, der darüber entscheidet, wie du mit dir arbeiten kannst und was sich überhaupt verändern lässt.
- Das Unterbewusstsein beschreibt eine Bewusstseinsebene, die gerade nicht aktiv in deinem Fokus liegt, die du aber prinzipiell erreichen kannst. Dir ist nicht ständig bewusst, wie du Fahrrad fährst. Aber wenn du kurz drüber nachdenkst, kannst du es beschreiben: aufsteigen, Balance halten, treten und bremsen. Diese Information ist vorhanden – sie arbeitet nur im Hintergrund. Das ist effizienter, als sich ständig alle Schritte vorsagen zu müssen. Das Unterbewusstsein ist die Ebene, auf der Inhalte nicht bewusst sind, aber jederzeit durch Nachdenken und Wahrnehmen zugänglich sind.
- Das Unbewusste ist etwas anderes. Der Begründer dieser Idee ist Sigmund Freud. Er beschrieb es als einen Bereich der Psyche, der sich durch Verdrängung bildet: Erlebnisse und innere Konflikte, die zu schmerzhaft oder zu bedrohlich waren, um sie bewusst auszuhalten, wurden und werden dort abgelegt. Sie hören dort nicht auf, zu wirken – sie zeigen sich in Träumen, in körperlichen Symptomen, in Verhaltensmustern, die sich einer vernünftigen Erklärung entziehen. Seine Grundannahme war: Durch automatische, zumeist unbewusste Abwehrmechanismen werden Gedanken oder Impulse, die Angst auslösen, aus dem Bewusstsein herausgehalten – und wirken von dort weiter, unsichtbar, also unbewusst. Daher die Bezeichnung.
Carl Gustav Jung, der viele Jahre mit Freud zusammenarbeitete und sich dann von ihm trennte, erweiterte das Bild erheblich. Er unterschied zwischen dem persönlichen Unbewussten – dem, was du verdrängt oder vergessen hast – und dem kollektiven Unbewussten, einer tieferen Schicht, die universelle Bilder, sogenannte Archetypen, enthält, die alle Menschen teilen: die Große Mutter, den Helden, den Schatten. Nach Jungs Vorstellung strebt das Unbewusste danach, bewusst zu werden – es ist keine reine Abfallkammer, sondern, wie er schrieb, eine „schöpferische Quelle neuer Möglichkeiten und Einsichten.“
Das klingt abstrakt – wird aber sofort lebendig, wenn du es auf deinen Alltag überträgst.
Du reagierst in Gesprächen mit einer bestimmten Person immer heftiger als nötig. Dabei weißt du, dass ihre Stimme eigentlich harmlos ist. Und trotzdem spannst du dich innerlich total an und denkst: „Sie nimmt mich nicht ernst.“ Woher kommt das? Vielleicht hat jemand in deiner Kindheit in diesem Ton etwas zu dir gesagt, kurz bevor etwas Schmerzhaftes passierte. Das hat sich ins Unbewusste eingegraben – und dein Nervensystem reagiert auf den Reiz wie damals, auch wenn dein Verstand weiß, dass du im Hier und Jetzt bist.
Warum der Kopf oft verliert
Wenn du das verstehst, hörst du vielleicht auf, dir Vorwürfe zu machen – wegen mangelnder Disziplin, fehlender Willenskraft oder wegen des „Ich weiß es doch, was ich tun muss, warum gelingt es mir nicht?“
Dein Gehirn liebt Effizienz über alles. Es schätzt Handlungen, bei denen es nicht jedes Mal neu nachdenken muss. Deshalb lagert es Routinen aus – in evolutionär sehr alte Hirnbereiche, die sogenannten Basalganglien. Diese arbeiten blitzschnell, brauchen keine bewusste Aufmerksamkeit und laufen einfach ab – und zwar egal, was dein Frontalkortex gerade plant. Das interessiert das Gehirn nicht, denn das alte Verhalten ist effektiver, weil bekannt, und deshalb einfacher.
Gewohnheiten nehmen dem Gehirn rund 50 Prozent der täglichen Entscheidungen ab! Wunderbar praktisch, solange es hilfreiche Gewohnheiten sind, und schwer, wenn du etwas Größeres verändern möchtest.
Das Problem: Schädliche Muster funktionieren auf genau dieselbe Weise. Der automatische Griff zur Schokolade nach einem stressigen Tag, das Aufschieben unangenehmer Gespräche, das reflexartige Kleinreden eigener Leistungen – all das läuft im selben System, genauso schnell und automatisch ab. Dein rationaler Verstand, dein langsameres Denken, kommt buchstäblich zu spät. Die Prozesse in den Basalganglien sind blitzschnell, bewusste Entscheidungen im Frontalkortex brauchen deutlich länger. Das Rennen ist bereits gelaufen, bevor du anfängst, nachzudenken! Daniel Kahnemann beschrieb das in „Schnelles Denken, langsames Denken“. Für seine Forschung zum Thema wurde er im Jahr 2002 mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.
Die Neurowissenschaft zeigt außerdem, dass es deutlich mehr Verbindungen vom Unterbewusstsein ins Bewusstsein gibt als umgekehrt. Das Unterbewusstsein sitzt am Steuer und der bewusste Verstand auf dem Beifahrersitz – und redet sich ein, er würde fahren.
Gute Vorsätze entstehen im rationalen Verstand. Sie werden dort formuliert, klar und überzeugend. Du nimmst es dir vor, hast es aufgeschrieben und darüber nachgedacht. Und trotzdem hörst du dich etwas anderes sagen, als du dir vorgenommen hast. Was ist passiert? Ein tief verankertes Muster hat schneller reagiert als dein Vorsatz. Hier trifft dein Vorsatz auf ein jahrzehntelang eingeübtes Muster aus frühen emotionalen Prägungen und tief gespeicherten Überzeugungen. Das kannst du dir vorstellen wie David gegen Goliath – und wunderst dich, dass David verliert.
Mit diesen inneren Schichten sprechen lernen
Jetzt kommt die gute Nachricht: Das Unterbewusstsein ist nicht dein Feind und kein unzugänglicher Tresor. Es ist eher wie ein sehr gewissenhafter Mitarbeiter, der nach alten Regeln arbeitet – und dem du beibringen kannst, neue Regeln zu übernehmen. Dafür braucht es Wiederholung, Gefühl und neue Erfahrungen, die sich in den Körper einschreiben – und kleinste Schritte wie bei Kaizen.
Methoden, die direkt auf dieser Ebene ansetzen:
- Entspannte Zustände und geführte Imaginationen öffnen eine Tür, die im wachen Alltagsverstand oft zugeklappt ist. Wenn du dich wirklich entspannst, werden neue Denk- und Verhaltensmuster leichter aufgenommen. Die schwache Verbindung vom Bewusstsein zum Unterbewusstsein, die sonst kaum Einfluss hat, verstärkt sich in diesem Zustand merklich. Im Zustand von Yoga Nidra kann man da einiges bewirken.
- Körperarbeit wirkt von unten nach oben, nicht andersherum. Atemübungen, Yoga, achtsame Bewegung – sie sprechen direkt das Nervensystem an, ohne den Umweg über den Verstand. Muster, die sich körperlich eingegraben haben, brauchen körperliche Antworten und Sankalpas aus dem Yoga.
- Kleine, täglich wiederholte Schritte – das klingt unspektakulär, funktioniert aber laut der Kaizen-Methode hervorragend: Ein einziger kleiner Schritt, täglich wiederholt, übertrifft sogar deine große Entschlossenheit. Das Gehirn braucht Beweis durch gutes Erleben. Dabei dürfen die Veränderungen aber nicht zu groß sein.
- Freies Schreiben, Morgenseiten, Journaling und Traumtagebücher schaffen Kontakt mit dem, was sich normalerweise deiner Aufmerksamkeit entzieht. Nicht interpretieren, nur aufschreiben, was da ist. Über die Zeit entstehen Muster, die sehr aufschlussreich sein können.
Du möchtest aufhören, dich ständig zu vergleichen und dich dabei kleiner zu fühlen als andere. Du weißt, dass es dir nicht guttut – du hörst es sogar in deinen eigenen Gedanken, siehst es an deiner Körperhaltung, wenn du bestimmte Menschen triffst. Statt dir nun täglich vorzunehmen „Ich höre damit auf“, könntest du abends drei ganz konkrete Momente aufschreiben, in denen du heute etwas gut gemacht hast. Das muss nichts Spektakuläres sein. Und dann kurz spüren: Wie fühlt sich das an? Was verändert sich in deinem Körper, wenn du das wirklich fühlen kannst? Dieses gute Gefühl wirkt, weil es das Unterbewusstsein mit neuen, positiv gefärbten Erfahrungen füttert. Das wirkt längerfristig besser, als gute Vorsätze.
Was aus der Tiefe kommt – und wie du zuhörst
Das Unbewusste spricht eine andere Sprache. Es redet nicht in Argumenten, nicht in To-do-Listen, sondern kommuniziert mit dir in Bildern, Träumen und körperlichen Empfindungen oder in einem spontanen Impuls. Das ist manchmal so beharrlich, dass du dir irgendwann sagst: Das kann kein Zufall sein.
Carl Gustav Jung beschrieb diesen Austausch als Dialog. Er meinte: Wenn du das Unbewusste als Gesprächspartner behandelst statt als Problem, das wegzumachen ist, kann es zur schöpferischen Quelle neuer Möglichkeiten werden. Inhalte, die nie zuvor bewusst waren – neue Einsichten, kreative Lösungen, tiefes Verständnis für sich selbst – können nach oben kommen.
„Solange du das Unbewusste nicht bewusst machst,
wird es dein Leben bestimmen, und du wirst es Schicksal nennen.“
„Das Unbewusste ist gewissermaßen der Mutterboden,
aus dem Bewusstsein wächst.“ (beides von C. G. Jung)
Körpersignale sind dabei oft die erste Sprache, die du verstehen lernst. Das sind keine Zufälle, es sind Meldungen über deinen Zustand. Manche davon kennst du schon lange, diese Meldungen sind alt, tragen jahrzehntelange Geschichte in sich – und brauchen deshalb meist eine Begleitung, um angeschaut zu werden.
Seien wir ehrlich: Manches lässt sich allein nicht anschauen. Nicht weil du nicht stark genug bist – sondern weil das Unbewusste so klug gebaut ist, dass es uns vor Schmerz schützt, solange wir keinen sicheren Raum haben, ihn anzuschauen. Im persönlichen Gespräch können wir gemeinsam schauen, was in dir arbeitet, was sich zeigen möchte – und welche Schritte für dich gerade stimmig sind.
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