Was ist ein Problem?

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Wenn du zu nah dran bist, siehst du den Wald vor lauter Bäumen nicht. Das Problem ist nicht das Problem, sondern ein Symptom. Steile These?

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Wenn du deine Hand ganz nah vor dein Gesicht hältst, siehst du nichts anderes, vielleicht nicht mal die ganze Hand. Genau so fühlt sich oft eine Herausforderung an, wenn du mitten drin stehst: Du siehst nur noch das, was gerade nicht funktioniert. Wie findest du den Gedanken: Wenn du das Problem von etwas weiter weg betrachtest, könnte dich das Nervige doch auch neugierig machen, statt dich nur zu ärgern.

Den Wald vor lauter Bäumen

Ein Problem ist zunächst einmal nichts anderes als ein Signal. Es zeigt dir: Hier stimmt etwas nicht mehr, wie du es bisher gemacht hast – hier braucht es einen anderen Weg. Das klingt banal, fühlt sich aber selten so an, wenn du mittendrin steckst. Denn meistens bist du in solchen Momenten viel zu dicht dran. Du steckst so tief in der Situation, dass du sie gar nicht mehr überblicken kannst. Und aus dieser Nähe heraus wirkt fast jede Herausforderung größer, bedrohlicher und ausweglos, als sie eigentlich ist.

Genau hier beginnt das, was die Systemiker die „Problem-Trance“ nennen: einen Zustand, in dem sich dein ganzer Fokus auf eine einzige Sache verengt. Du drehst dich im Kreis, wälzt dieselben Gedanken, siehst nur noch die eine mögliche Richtung – wenn überhaupt! – und das ist meistens auch noch die unangenehmste. Deine Neugier schaltet sich in diesem Zustand fast automatisch ab, weil dein System bei Stress auf Kampf oder Flucht programmiert ist, nicht aufs Entdecken. Dabei wäre gerade jetzt Neugier das, was dir weiterhelfen würde.

Man könnte in diesem Moment die Frage stellen „Was zeigt sich mir hier eigentlich?“ statt „Wie werde ich das bloß los?“.

Wenn Nähe den Blick verstellt

Alle Namen und Geschichten in diesem Artikel sind verändert, Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.

Ein Klient kam zu mir, weil ihn ein Konflikt mit einem Kollegen seit Wochen beschäftigte. Er hatte schon alle Argumente durchgekaut, sich hundertmal gerechtfertigt – im Kopf, nie laut – und war jedes Mal frustrierter aus diesen inneren Gesprächen herausgegangen. Er war so nah an der Situation, dass er gar nicht mehr sehen konnte, worum es eigentlich ging. Es ging ihm nicht mehr um Neugier, sondern nur noch ums Rechthaben.

Was ihm am meisten half, war für ihn ungewohnt, einen Schritt zurücktreten. Wir haben gemeinsam Abstand zu der Situation aufgebaut, so wie du bei einem Bild ein paar Schritte zurückgehst, um es endlich als Ganzes zu sehen. Aus dieser neuen Distanz heraus zeigte sich etwas, das er vorher gar nicht wahrnehmen konnte: dass der Konflikt ihn an seinen Vater erinnerte, bei dem er sich in der Kindheit ungesehen und übergangen fühlte. Der Kollege war nur der Auslöser, nicht der eigentliche Kern.

Das gilt übrigens nicht nur für therapeutische Themen. Genauso gut könnte ein Klient zum Coaching kommen, weil er sich beruflich blockiert fühlt, oder eine Klientin, weil sie in ihrem Team ständig aneckt. Der Mechanismus bleibt derselbe: Solange du zu dicht dran bist, siehst du nur Symptome und reagierst darauf mit der nächstbesten Lösung. Sobald du Abstand gewinnst, siehst du Muster – und Muster lassen sich auf ganz andere Weise angehen als einzelne Symptome. Genau das ist der Unterschied zwischen hektischem Reagieren und einer Lösung, die wirklich trägt.

Konflikte verändern durch Fragen

Mit dieser Weite verändert sich auch dein innerer Zustand und du nutzt jetzt die „Lösungs-Trance“: ein Zustand, in dem du nicht mehr gegen die Herausforderung ankämpfst, sondern neugierig auf sie blickst, fast wie eine Forscherin auf ihr Forschungsgebiet. Deine Gedanken springen nicht mehr im Kreis, und du beginnst, Verbindungen zu sehen. Und dann können wir hinschauen, was du in der vergangenen Situation gebraucht hättest. Im besten Falle braucht das nur eine Sitzung, wenn man die richtige „alte“ Situation „bearbeitet“. Und du kannst dann diese Ressourcen auch für die neue Situation nutzen – falls das überhaupt noch nötig sein sollte. So die Theorie, denn es braucht natürlich eine sehr individuelle Vorgehensweise.

Interessant: Die Lösung kommt fast nie von mir, sie liegt schon die ganze Zeit in dir selbst – oft tief vergraben unter Sorgen, alten Erfahrungen oder Erwartungen von außen. Meine Aufgabe ist es nicht, dir eine Lösung zu liefern, sondern die Fragen zu stellen, die dein Wissen wieder ans Licht holen. Ressourcenorientiert arbeiten heißt für mich darauf zu vertrauen, dass in dir bereits alles vorhanden ist, was du brauchst – es will nur gesehen werden.

Bei dem Klienten zeigte sich mit etwas Distanz ein ganz neuer Blick auf seinen Konflikt. Statt den Kollegen weiter zu meiden oder die nächste Konfrontation zu suchen, entschied er sich, das Gespräch mit echter Neugier zu beginnen – mit der Frage, was den Kollegen eigentlich umtreibt. Das Ergebnis überraschte ihn selbst: Der Kollege fühlte sich ähnlich übergangen wie er. Die Lösung lag nicht im Kampf, sondern in der Frage, die er vorher gar nicht hätte stellen können.

Kleiner Tipp: Fragen stellen bringt eine festgefahrene Situation wieder in den Fluss.

Wann lohnt ein Blick von außen?

Ein guter Hinweis dafür, dass du gerade zu nah dran bist, ist es, wenn dich eine Sache immer wieder beschäftigt, in wechselnden Situationen, aber mit vertrautem Gefühl. Ein anderer Hinweis: Du merkst, dass du allein einfach nicht auf Abstand kommst, egal wie sehr du es versuchst. Das ist kein Zeichen, dass mit dir etwas nicht stimmt – es ist ein guter Moment, sich jemanden dazuzuholen, der von außen mit dir draufschaut und dir hilft, wieder Distanz zu deiner eigenen Geschichte zu gewinnen.

Dranbleiben & Loslassen

Im Yoga gibt es zwei Begriffe, die genau diese Haltung beschreiben, Abhyasa und Vairagya:

Abhyasa steht für die stetige, liebevolle Übung. Denk dabei nicht nur an die Yogamatte, sondern die Übungen des Alltags – Familie, Arbeit, Kinder oder Studium – dranbleiben, hinschauen, jeden Tag wieder neu beginnen, auch wenn es mühsam ist.

Vairagya steht für das Loslassen: Wenn du genug geübt hast, darfst du loslassen und dem großen Ganzen vertrauen. Also dein Bestes geben und dann darauf vertrauen, dass sich zeigt, was sich zeigen soll, statt irgendetwas erzwingen zu wollen.

Beides gehört zusammen wie Einatmen und Ausatmen. Wer nur übt, ohne loszulassen, verkrampft sich. Wer nur loslässt, ohne zu üben, verliert den Boden unter den Füßen. Wenn dich diese beiden Prinzipien näher interessieren, findest du eine ausführliche Vertiefung dazu in meinem Artikel über Abhyasa und Vairagya.

Neugier & Vertrauen

Genau diese Mischung aus Neugier, Übung und Vertrauen wünsche ich mir auch für meine Klient*innen in der Therapie. Wir treten gemeinsam einen Schritt zurück, schauen auf das, was sich zeigt, üben, bleiben dran – und sobald sich die Klient*innen geborgen fühlen, kommt nach und nach Vertrauen dazu, dass sich Dinge fügen, ohne dass sie sie mit aller Kraft kontrollieren müssen. Dann kann ich ganz spielerisch fragen:

Was, wenn es einfach gut wird?

Ich beschäftige mich seit über dreißig Jahren mit genau dieser Frage – bei mir selbst erst mit Yoga und dann auch Therapie – und mit den Menschen, die zu mir in die Praxis kommen. Auch ich kenne das Zu-nah-dran-Sein aus eigener Erfahrung, das Kreisen um dieselbe Sache, das Rechthaben-Wollen, statt neugierig zu bleiben. Und ich weiß, wie befreiend der Moment sein kann, in dem sich der Blick weitet und aus dem, was dich gerade nervt, plötzlich eine Einladung wird.

Wenn dich das gerade anspricht, schreib mir gern etwas in den Kommentaren oder buche dir direkt ein kostenloses Kennenlernen über Zoom: Buche gern ein online Kennenlern.

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Über mich
Annette Bauer HP Psychotherapie Coaching Xperience Portrait
Hallo, ich bin Annette
Ich bin Berlinerin und war 25 Jahre als Layouterin und Redak­teurin tätig. In den letzten Jahren im Job war ich kurz vorm Burnout und wurde dann ent­lassen. Auch privat habe ich Schick­sals­schläge erleben müssen.

Dabei hilft mir seit über 30 Jahren unter anderem eine regelmäßige Yoga-Praxis.

Andere Menschen begleite ich als Heil­prakti­kerin mit einer ressour­cenorien­tiert, systemisch oder mit einer Trauma­therapie.
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